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Es wimmelt von dieser Art Blogeintrag und wirklichem Journalismus und Statements und offenen Briefen und was weiß ich noch. Washington Post klingt einfach gut und bringt im Zweifel Traffic auf die Seite, heizt das SEM an und macht viel mehr Leute glücklicher als traurig. Mich machen die meisten traurig, denn ich lese immer nur von einem Ereignis, das man, Unsinn, wir alle (damit sind natürlich nur die Gebildeten unter uns gemeint, die anderen verstehen unter «Post» inzwischen was ganz anderes), aufhalten hätten müssen.

Hm?

Aufhalten ist ein Wort für Konservative und Romantiker. Denn wer wollte denn wirklich Veränderungen aufhalten: in der Technik, in der Medizin, im menschlichen Zusammenleben? Stopp, bevor der Bogen zu weit wird beschränke ich mich auf das Medium Print, genauer: die Zeitung. Das einzige Problem, das dieses Medium zurzeit hat ist, dass die Entscheider, die vor ungefähr 20 Jahren verantwortlich waren, gedacht haben, ja das Automobil muss sich wandeln, aber unser Uraltmedium kann immer so bleiben, wie es ist. Wir haben inzwischen doch auch Fotos und Bilder auf der Titelseite (war das die Londoner Times, die vor Ewigkeiten die letzte war, die das gemacht hat) und Druck in 4c ist uns auch nicht fremd. Wir konzentrieren uns auf Inhalte. Hi-hi!

Wer auf so einem hohen Ross sitzt und dazu auch noch zum Konservativen tendiert, dem fällt es natürlich schwer Veränderungen zu denken (Visionen) und auch einzuleiten. Also dachten die Entscheider und machten nichts außer verwalten. Wenn ich dieser Tage immer wieder die weinerlichen Berichte zum Fall Washington Post lese und dabei regelmäßig auf Redford und Hoffman, pardon, Woodward und Bernstein, aufmerksam gemacht werde, denke ich: ist bei der WP seit 40 Jahren nichts ähnliches mehr passiert, an das wir erinnert werden können und dann denke ich weiter: solche Dinge sind eben damals wichtig gewesen aber meine Oma fand die sich selbst aufblasende Trockenhaube auch bahnbrechend. Solche Dinge braucht man nicht mehr, denn sie haben sich nicht verändert.

500.000 Exemplare verkauft die WP noch täglich. Wahnsinn, aber die USA sind auch groß und Zeitungen in den USA haben ein Problem mit Zeitungen in Deutschland gemein: sie werden nicht mehr von jüngeren Menschen gelesen. Und nicht mehr klingt in meinen Ohren wie «nie mehr». Die nachwachsende Zielgruppe ist nicht mehr die Zielgruppe. Pech gehabt. Aber die Entscheider von damals werden sagen, das hat alles andere Gründe. Nicht die ausgebliebene Veränderung ist es, sondern (und jetzt kommt das Übliche Internet, Lesegewohnheit, Bedürfnisse, …) andere Rahmenbedingungen.

An die hat sich keiner der Entscheider von damals und auch ihre Nachfolger anpassen wollen, weil das Geld und vor allem Begeisterung kostet. Damit kann auch die WP wieder was werden und die eine große Sache von 72/73 in den Schatten stellen. Und dann auch wieder was werden. Bis dahin sollte man nur so traurig über die Sache mit den Zeitschriften sein, wie man es über einen verzweifelten Menschen ist der vor eine U-Bahn sprint.

Ich hoffe auf Bezos.

Zeitungen und Veränderungen: Washington Post, Financial Times DE, Springer, …
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